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20.01.2021 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

Anfängliche Probleme beim Unterricht aus der Ferne ...

Was heißt hier "anfängliche"? Angefangen hatte es im Lockdown im Frühjahr 2020 und das ist lange her.

Schon im Sommer gab es diverse Studien, die die Probleme aufgelistet haben. Getan hat sich jedoch wenig. Die Bildungspolitiker haben die Sommerpause verschlafen.

Wir wollen jedoch keine akademische Debatte lostreten sondern Eltern die Möglichkeit geben, über ihre derzeitigen Probleme zu reden. Auch in Berlin ist nach den Weihnachtsferien die Schule nicht wieder gestartet Und gestern konnten wir mit einem Elternteil über die Erfahrungen der ersten beiden Wochen des Homeschooling sprechen.

Zumindestens müssen wir anerkennen, dass sich die Lehrer in den Weihnachtsferien Gedanken über den Start gemacht haben. Sofort zum Schulbeginn  standen Aufgabenblätter zur Verfügung. Die Erlebnisse der letzten beiden Wochen haben diese freudige Erwartung jedoch nicht erfüllt.

So ist die Menge der Aufgaben je nach Lehrer sehr verschieden. Die Formulierung der Aufgaben im Detail ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Es gibt Aufgabenblätter zum Ausdrucken, die wohl zur Motivationssteigerung viele bunte Bilder enthalten, die allerdings nun auch einen Farbdrucker erfordern, der in vielen Haushalten nicht vorhanden ist. Druckt man diese Blätter schwarz-weiß aus so verschwindet nicht nur die Motivation sondern auch viele Details, die zum Erledigen der Aufgaben notwendig sind.

Teilweise  können Aufgaben auch in Online Tools  erledigt werden. Schockierend war jedoch, dass diese Tools Werbeeinblendungen enthielten, die die Kinder in unserem Fall ausgerechnet beim Kopfrechnen mit bewegten bunten Bildern ablenken. Solche Tools sind durch Registrierung und persönliche Anmeldung und natürlich gegen geringe Kosten auch werbefrei zu nutzen. Die Schulen sind jedoch nicht in der Lage, dies zu ermöglichen.

Bei den Rechenaufgaben (Multiplikation 2 und 3-stelliger Zahlen) wurde die Eingabe des Ergebnisses von der Software von links nach rechts erzwungen, obwohl eine Eingabe zuerst mit den Einern, also von rechts nach links ergonomisch und fachlich sinnvoll wäre.
Wer programmiert so einen Sch...?

Überhaupt ist die Eingabe erst möglich, wenn auf dem Tablet die Tastatur erscheint und diese wird erst eingeblendet, wenn man einen bestimmten unsichtbaren Bereicht berührt. Ob das auf einem Laptop mit Tastatur einfacher wäre, wer weiß ...

Serverprobleme
An 2 von 5 Tagen war der Server mit den Aufgabenblättern zwischen 11 und 15h vermutlich wegen Überlastung nicht erreichbar. Es erschien die Meldung: "Connecting ..."

Conferencing
Der Lehrer stand in beiden Wochen jeweils für eine Schulstunde in einer Zoom Konferenz für Fragen zur Verfügung -  soweit so gut. In der Realität blieben von der Stunde inklusive des Gesprächs über die erhaltenen Weihnachtsgeschenke gerade einmal 20 Minuten für inhaltliche Fragen der Schüler übrig. Die ersten 10 bis 15 Minuten wurden benötigt, um allen SchülerInnen einen funktionierenden Zugang zu ermöglichen. Deutlich im Gedächtnis bleiben Sätze wie

  • "Ich höre nichts",  worauf viele Antworten wie “wir hören dich auch nicht” kamen
  • "Meine Kamera funktioniert nicht"
  • "Die Bilder sind ganz abgehackt"
  • "Wie kann ich denn ... dies oder jenes machen"

Auch nach etwa einer halben Stunde kam es immer wieder vor, dass Schüler technische Probleme hatten. Aber eigentlich wollten wir uns darüber beschweren, dass ausgerechnet die kommerzielle Software Zoom mit ihren Datenschutzproblemen hier zum Einsatz kam - aber der gestörte Ablauf war für die SchülerInnen sicher viel schlimmer.

Sport
Eine weitere Online Stunde gab es in dieser Woche Sport, allerdings mit der Einschränkung, dass zwar alle den Lehrer bei seinen Anleitungen sehen konnten, er  aber wegen des Aufbaus der Laptops oder Handys der Schüler nur bei wenigen einen Blick auf deren wirkliche sportliche Betätigung werfen konnte. Wer also wirklich seinem sportlichen Workout mit dem eigenen Körper gefolgt ist, ließ sich für ihn kaum kontrollieren.

Kunst
Wenigstens hier konnten die Schüler ihre Phantasie bei der Bearbeitung von Seifestücken ausleben.

Verlassen wir diese  Schilderung von unschönen  Erlebnissen und sammeln noch einmal die Kritik -  auch die von ExpertInnen.

Homeschooling ohne digitale Unterstützung
Auch diese Form des Unterrichts ist noch in vielen Fällen üblich.  Was bleibt ist das Ausfüllen von Hausaufgabenblättern stets oder meist gemeinsam mit den Eltern. Tenor einer Mutter: "Ich setze mich jeden Tag 3 Stunden mit ihm hin aber das ist sehr anstrengend.

"Elektronisch verschickte Lückentexte und Arbeitsblätter, mit denen Eltern, Schülerinnen und Schüler allein gelassen werden das ist kein Homeschooling, das ist noch nicht einmal Fernunterricht. Das ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung und eine pädagogische Zumutung!" so der Erziehungswissenschaftler Professor Doktor Heiner Barz.

Digitaler Unterricht
Nur etwa 7% der Kinder nehmen nach einer Studie der Vodafone Stiftung vom letzten April täglich am digitalen Unterricht teil. Die Mehrheit der Eltern wünscht sich mehr Rückmeldungen durch die Lehrkräfte rund die Hälfte der Eltern erkennt keinen regelmäßigen Rhythmus in der Aufgabenübermittlung durch die Lehrerinnen und Lehrer. Zudem empfinden Eltern die Lernaufträge als wenig abwechslungsreich.

Kommen wir zur Hardware. Die Schulen brauchen mehr Laptop Leihgeräte, denn die Eltern arbeiten derzeit im Homeoffice ebenfalls zu Hause und können ihre eigenen Geräte nicht ihren Kindern für den Unterricht borgen.

Zum Thema Software haben wir an verschiedenen Stellen bereits über die gefährliche Nutzung von Microsoft Programmen gesprochen. Üblich beim Homeschooling ist leider oft Microsoft Teams. Wieder werden Lehrer und Schüler in die Arme des Online-Riesen Microsoft getrieben.

Auch Probleme mit den Servern und der Internetverbindung mussten wir uns in verschiedenen Gesprächen mit Eltern vor allem aus ländlicher Umgebung anhören. So gibt es in der kleinen Gemeinde im Mühlviertel 35 km von der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz entfernt im besten Falle 3 Megabit pro Sekunde für den Download. Wenn dann mehrere Schüler im Dorf eine Online Konferenz starten wollten, so hatten sie sicher keine Freude daran.

Selbst von der Fachhochschule Hagenberg wurde uns berichtet: "Uns steht nur eine 50 Jahre alte Telefonleitung zur Verfügung und es gibt auch kaum Handyempfang am Ort. Immer wieder Ausfälle lassen bei Schülern und Lehrern die Nerven blank liegen.

Fazit
Aber auch wenn sich alle technischen Probleme beheben lassen, so ist Homeschooling kein Ersatz für Schulunterricht. Schule ist nicht nur ein Ort des Lernerwerbs sondern ein sozialer Organismus, der in der Gesellschaft aber auch für die einzelnen Heranwachsenden ganz bestimmte Funktionen erfüllen soll und muss. Diese gehen weit über den alleinigen Kenntniserwerb hinaus.

Hinzu kommt die Vereinzelung der Schülerinnen und Schüler. Viele Jugendliche haben den Eindruck in der Corona-Krise nicht gehört zu werden und auch in der allgemeinen öffentlichen Debatte nur auf ihre Rolle als Homeschooling Konsumenten reduziert zu werden. Dabei fühlen sie sich erinnert an die Fridays for Future Proteste im Jahr 2019. Auch dort wurde ihr Empfinden und ihr Protest als "ganz nett" empfunden.  Eine wirkliche Beteiligung konnten sie weder damals noch heute erleben/erfahren.

Schon im Frühjahr 2020 hatten wir den Wunsch eine Liste der "Vor und Nachteile" von Corona aufzulisten, haben diese unmögliche Aufgabe natürlich nicht ansatzweise geschafft. Einen Beitrag dazu liefert jedoch ausgerechnet der Chef des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann, indem er sagt: "Geht etwa ein Drittel eines Schuljahres an Lernen verloren, so geht dies über das gesamte Berufsleben gerechnet im Durchschnitt mit rund 3 bis 4% geringerem Erwerbseinkommen einher".
Denn wir haben nicht den Aufschrei in den Medien anlässlich der Fridays for Future Proteste vergessen. Bei FfF ging es um das Fehlen an einem Tag in der Woche - jetzt sind es alle fünf Tage. Wo bleibt der Aufschrei?

PS. Meine Enkelin besucht eine Grundschule mit über 700 Kindern in der es von den Sommerferien bis zu Weihnachten genau 2 Corona-Alarme gab. In beiden Fällen waren SchülerInnen Kontaktpersonen, die dann negativ getestet wurden. Jeweils 5 Tage fiel für deren Kontakte in der Schule der Unterricht aus - alle anderen konnten normalen Unterricht erhalten - vom Unterrichtsausfall waren geschätzt weniger als 1% betroffen!.

Also, zurück zum Unterricht so schnell wie möglich, bei gleichzeitigem Schutz der Lehrkräfte in Risikogruppen!

Rainer für Aktion FsA

Mehr dazu bei https://futurezone.at/digital-life/homeschooling-viele-probleme-beim-digitalen-lernen/401103072
und https://www.deutschlandfunk.de/probleme-mit-homeschooling-schule-ist-ein-lebensraum.680.de.html?dram:article_id=477017
und https://www.n-tv.de/panorama/Homeschooling-belastet-Familien-article21885817.html


Kommentar: RE: 20210120 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

digitaler Unterricht ist kein Unterricht. Dazu braucht es Anwesenheit von Angesicht zu Angesicht. Nur so entsteht eine dynamische, informelle Kommunikations- und Lernatmosphäre.

TR, 20.01.21 10:18


RE: 20210120 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

Ich kann natürlich viele Punkte in dem Beitrag unterschreiben aber insbesondere den letzten Absatz und das Fazit überhaupt nicht. Das war doch auch total anekdotenhaft. Weil in der Schule der Enkelin fast niemand betroffen ist, zu fordern, das alle Schulen wieder aufmachen sollen, erschließt sich mir nicht. Gibt auch genug Jugendliche, die bei einer Präsenzpflicht nicht mal unbedingt die Angst um sich selbst haben, sondern davor, ihre Großeltern, die kranke Mutter oder mglw. auch die LehrerIn "umzubringen".
Beim Homeschooling läuft's natürlich vorne und hinten schief, aber das doch eben, weil im Sommer KMK, Bildungsministerien und ja, natürlich in Berlin der Senat, verschlafen haben, sich und die Lehrer und die Infrastruktur auf genau dieses Szenario vorzubereiten.
Wider besseten Wissens möchte ich behaupten. Vielleicht hat man ja wirklich gehofft, dass das ganze schon vorbei ist.
Und man ist definitiv zu feige sich mit der dt. Wirtschaft/dem Kapital ernsthaft anzulegen. Die Forderungen nach Schulöffnungen werden insofern meiner Einschätzung nach auch genau von solchen neoliberalen Wirtschaftslobbyisten vorangetrieben. (Siehe Ifo Institut...)
Vielleicht ist das ja auch ne Fehleinschätzung oder falscher Glaube an das Gute im Menschen, aber für mich sieht es in meiner bubble eher so aus, als ob die meisten Eltern, trotz Überforderung mit der momentanen Situation, ihre Kinder lieben und sie und sich und ihre Angehörigen keineswegs dem Risiko einer Coronainfektion aussetzen möchten.
Also, ich finde das Fazit unter aller Sau. Forderungen Alternativen zu Microsoft und Zoom funktionabel zu machen, unterstütze ich natürlich.

A., 20.01.21 18:10


RE: 20210120 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

Die Grundübel in dieser Gesellschaft werden ja weiterhin nicht angepackt. Für Militär, Rüstung, Manöver Kriege usw., wird weiterhin viel Geld ausgegeben und humanitäre Dinge wie Bildung, Wohnen, Gesundheitswesen, Natur werden sträflichst vernachlässigt bzw. nur auf Profit gebürstet. So funktioniert eben der Kapitalismus. In einem Artikel der JW vom 22.01.2021 auf Seite 5 wird sehr gut beschrieben, wie schnell viele Kinder im Shutdown vergessen und abgehängt sind.
Wissenschaftler, Lehrer, Eltern und Ärzte kritisieren den Umgang mit Kindern in der Pandemie.
https://www.jungewelt.de/artikel/394862.bildung-in-coronazeiten-vergessen-und-abgeh%C3%A4ngt.html?sstr=Vergessen%7Cund%7Cabgeh%C3%A4ngt

Ti., 23.01.21 13:10


RE: 20210120 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

Der Hirnforscher Gerald Hüther warnt vor dramatischen Konsequenzen der Corona-Schutzmaßnahmen für die soziale und neurobiologische Entwicklung von Kindern.
Junge Menschen unterdrückten seit fast einem Jahr massiv ihre tiefsten Bedürfnisse, sagte Hüther im Deutschlandfunk. Dieser Zeitraum sei für ein siebenjähriges Kind etwa so lang wie zehn Jahre für einen siebzigjährigen Menschen. Das habe auch Veränderungen im Gehirn zur Folge. Wenn Kinder über eine längere Zeit gegen innere Bedürfnisse ankämpften – etwa jemanden in den Arm zu nehmen, zu spielen oder sich zu bewegen - dann würden die Motivationszentren im Hirn mit hemmenden Verschaltungen geradezu eingekapselt.
https://www.deutschlandfunk.de/schulschliessungen-kontaktbeschraenkungen-co-neurobiologe.1939.de.html?drn:news_id=1219660&utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
Das sollte man beachten !!!

Björn, 30.01.21 13:38


RE: 20210120 "Ein organischer Lebensraum wurde einfach abgetötet"

Fehler zu spät erkannt!
Gestern Abend: Kanzler Kandidaten-Duell Scholz-Baerbock
Olaf Scholz benennt es einen großen Fehler der Corona Maßnahmen, dass im 1. Lockdown sofort die Schulen geschlossen wurden.

Merwan, 18.05.21 11:31


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Erstellt: 2021-01-20 09:36:11
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